Nachdenklich
sitzt die zierliche alte Frau auf der Bettkante. Durch die knochigen
Finger gleiten die abgegriffenen, hölzernen Perlen ihrer Gebetskette.
Ihr Gesicht verrät ein Leben voller Entbehrung. Doch ihr Lächeln
ist gütig, frei von Schuldzuweisungen, kein Klagen, keine Vorwürfe.
Sie scheint lediglich darum besorgt zu sein, die Tasse ihres Gastes
stets randvoll mit heißem Buttertee zu füllen.
Heute lebt die 66-jährige Tibeterin in einer kargen Unterkunft der
Flüchtlingssiedlung Jawalakhel in Kathmandu. Zwölf Quadratmeter
Wohnfläche müssen der siebenköpfigen Familie reichen. Kaum Platz
für persönliche Habseligkeiten. Lediglich ein kleiner Hausaltar
mit Butterlampen, vergilbten Fotografien des Dalai Lama und vom
Potala - seines einstigen Palastes - geben Hinweise auf ihre Herkunft.
Die alte Tibeterin erinnert sich genau an die verlorene Heimat:
"Ich träume sehr oft von Tibet. Dann sehe ich mich zwischen all
unseren Tieren über das Hochland ziehen." Ihre Kindheit war geprägt
von einer innigen Beziehung zur Mutter.Drei ältere Brüder waren
im Kindbett gestorben. Die Tochter erhielt den Namen Garmo Tsethar,
was für die Hoffnung auf ein glückliches und langes Leben steht.
Bereits in jungen Jahren wurde Garmo Tsethar auf dem Rücken der
Mutter um den für Tibeter heiligen Berg Kailash getragen." Es war
eine glückliche Zeit", erinnert sich Garmo Tsethar.
Ihr Nomadenleben war genügsam, die Zelte wurden dort aufgeschlagen,
wo das Gras des Hochplateaus für die Yak-Herde besonders saftig
war.
Doch 1950 begannen sich erste Veränderungen abzuzeichnen. Garmo
Tsethars Familie hörte vom Einfall der Chinesen ins Schneeland.
Allmählich verbreiteten sich Gerüchte von Misshandlungen und Inhaftierungen.
Neun Jahre später erfolgte die zweite schwere Zäsur für die Menschen
auf dem Dach der Welt. Sie fürchteten um das Leben des 14. Dalai
Lama. In Lhasa kam es zum Volksaufstand gegen die chinesischen Besatzer.
Die Tibeter bildeten einen menschlichen Schutzwall um den Norbulingka
- dem Sommerpalast des lebenden Buddha. Garmo Tsethar erfuhr spät
vom Bombenangriff der chinesischen Volksbefreiungsarmee auf den
Norbulingka, der brutalen Niederschlagung des Aufstandes ihrer Landsleute
und der Flucht des Dalai Lama ins indische Exil. "Wir waren glücklich,
dass Seine Heiligkeit unversehrt nach Indien fliehen konnte. Gleichzeitig
wuchs jedoch auch unsere Angst, denn Berichte über Gräueltaten verbreiteten
sich wie Lauffeuer".
Wie Tausende ihrer Landsleute trat auch Garmo Tsethar mit ihrer
Familie einen besonders schweren Gang an - den Gang ins Exil. Während
über 100.000 tibetische Flüchtlinge in Indien eine neue Heimat fanden,
zog Garmo Tsethar nach Kathmandu. Das Rote Kreuz hatte zur Ansiedlung
tibetischer Flüchtlingsfamilien ein Grundstück im Stadtteil Jawalakhel
gekauft. Die Schweizer Entwicklungshilfe unterstützte die tibetischen
Bemühungen, eine alte Handwerkskunst - das Weben traditioneller
Teppiche - Profit bringend zu etablieren. Wo Garmo Tsethar vor 40
Jahren noch an einem von sechs Webstühlen in einem kleinen Raum
saß, ist heute eine beachtliche Produktionsstätte für tibetische
Teppiche entstanden. Das Handicraft-Center von Jawalakhel bietet
über 300 Flüchtlingen eine Arbeitsstelle. Trotz sinkender Umsätze
aus dem Teppichverkauf ist sich die tibetische Gemeinschaft ihrer
sozialen Verantwortung bewusst geblieben. Die Erlöse dienen der
Finanzierung zahlreicher sozialer Einrichtungen wie des Altenheimes,
der Grundschule und des Kindergartens mit integriertem Kinderhort.
Die Erziehung ihrer Kinder ist für die tibetische Gemeinschaft im
Exil von zentraler Bedeutung. Im annektierten Tibet wird unter der
chinesischen Kontrolle die Religionsausübung, das kulturelle Leben
bis hin zur Sprache gezielt unterdrückt. Ein wichtiges Ziel der
Exiltibeter ist die Wahrung ihrer einzigartigen Identität. Mit Hilfe
eigener Schulen, des enklavenhaften Zusammenlebens und der zahlreichen
buddhistischen Stupas, Klöster und Tempel scheint dies auch in Nepal
zu gelingen. Garmo Tsethar ist froh, dass ihre Enkelkinder noch
ihre Sprache erlernen können. Aber sie haben das Schneeland nie
gesehen, sind nie selbstbestimmt über das Hochland gezogen. |